Zulassung & Recht 9 Minuten Lesezeit

Praxis­übernahme: Die Zulassung ist der eigentliche Engpass

Der Vertrag ist unterschrieben, die Räume sind übergeben – und dann stellt sich heraus, dass die Zulassung noch fehlt. Was § 124 SGB V tatsächlich verlangt und in welcher Reihenfolge du vorgehen musst.

Die meisten Übernahmen scheitern nicht am Preis. Sie geraten ins Rutschen, weil jemand angenommen hat, die Kassenzulassung komme mit der Praxis mit – wie das Stangerbad und der Schlingentisch. Sie kommt nicht mit.

Das ist keine juristische Spitzfindigkeit, sondern der Punkt, an dem ein Übergabetermin um Monate verschoben wird. Deshalb steht dieser Artikel am Anfang und nicht am Ende einer Übernahme-Reihe.

Was die Zulassung ist – und was sie nicht ist

Die Zulassung nach § 124 SGB V ist die Erlaubnis, Heilmittel zu Lasten der gesetzlichen Krankenkassen abzugeben. Ohne sie darfst du behandeln, aber nicht mit der AOK, der Barmer oder der Techniker abrechnen. Bei einer Praxis, deren Umsatz überwiegend aus Verordnungen kommt, ist das gleichbedeutend mit Stillstand.

Entscheidend ist, woran die Zulassung hängt: an der Person, die die Leistung erbringt, in Verbindung mit der Praxis, in der sie erbracht wird. Sie ist kein Wirtschaftsgut, das der Übergeber dir verkaufen kann. Er kann dir seine Räume verkaufen, seine Geräte, seinen Ruf und seinen Patientenstamm - aber nicht seine Zulassung.

Der Übergeber verkauft dir alles außer der Zulassung. Die musst du selbst beantragen - und du kannst damit früher anfangen, als die meisten denken.

Die drei Voraus­setzungen, die tatsächlich im Gesetz stehen

§ 124 Absatz 1 SGB V ist kurz. Wer Heilmittel zu Lasten der gesetzlichen Krankenversicherung abgeben will, muss

  1. die für die Leistungserbringung erforderliche Ausbildung sowie eine entsprechende, zur Führung der Berufsbezeichnung berechtigende Erlaubnis oder einen vergleichbaren akademischen Abschluss besitzen,
  2. über eine Praxisausstattung verfügen, die eine zweckmäßige und wirtschaftliche Leistungserbringung gewährleistet, und
  3. die für die Versorgung mit Heilmitteln geltenden Verträge anerkennen.

Das ist die vollständige Liste. Lies sie noch einmal und achte darauf, was fehlt.

Die zwei Jahre Berufs­erfahrung stehen nicht drin

In Foren, Ratgebern und Gründungs-PDFs kursiert hartnäckig die Aussage, man brauche zwei Jahre Berufserfahrung in Vollzeit, bevor man sich niederlassen dürfe. Im Gesetzestext des § 124 SGB V steht das nicht. Die Zahl stammt aus älteren Empfehlungspapieren und wird bis heute weitergereicht, ohne dass jemand nachschaut.

Das heißt nicht, dass Berufserfahrung egal wäre – fachlich ist sie es keineswegs, und die Zulassungsempfehlungen des GKV-Spitzenverbands regeln Details, die je nach Bundesland und Heilmittelbereich unterschiedlich gehandhabt werden. Es heißt: Verlass dich nicht auf das, was im Internet über deine Zulassung geschrieben steht, sondern frag den Anforderungskatalog bei deiner zuständigen Arbeitsgemeinschaft ab. Ein Anruf ersetzt drei Abende Recherche und ist die einzige Auskunft, auf die du dich verlassen kannst.

Wer entscheidet – und warum das seit 2019 einfacher ist

Bis 2019 musste jeder Leistungserbringer die Zulassung bei jeder Krankenkasse einzeln beantragen. Mit dem Terminservice- und Versorgungsgesetz, in Kraft seit dem 1. Mai 2019, wurde das umgestellt: Seit dem 1. September 2019 bilden die Landesverbände der Krankenkassen und die Ersatzkassen gemeinsame Arbeitsgemeinschaften auf Landesebene, die mit Wirkung für alle Krankenkassen entscheiden.

Für dich heißt das: ein Antrag, eine Entscheidung, eine Ansprechstelle. Das ist einer der wenigen Punkte, an denen die Bürokratie in diesem Beruf in den letzten Jahren tatsächlich einfacher geworden ist.

Die Arbeitsgemeinschaft darf laut § 124 Absatz 3 SGB V ausdrücklich prüfen, ob die räumlichen, sachlichen und personellen Voraussetzungen vorliegen. Gleichzeitig sieht das Gesetz vor, dass Mehrfachprüfungen derselben Praxis vermieden werden sollen.

Warum eine Übernahme genau hier ihren größten Vorteil hat

Die Praxisausstattung ist die Voraussetzung, an der Neugründungen am häufigsten hängenbleiben. Räume müssen bestimmte Anforderungen erfüllen – Größe der Behandlungsräume, Trennung von Wartebereich und Behandlung, sanitäre Einrichtungen, Zugänglichkeit, vorgeschriebene Geräte je nach Leistungsbereich. Wer neu gründet, mietet, baut um, kauft ein und hofft, dass es bei der Prüfung passt. Wer übernimmt, tritt in Räume ein, die diese Prüfung bereits bestanden haben.

Das ist der harte, in Geld und Zeit messbare Unterschied zwischen Übernahme und Neugründung – und er wird in den meisten Vergleichsrechnungen unterschlagen, weil er sich schlecht in eine Tabellenzelle schreiben lässt. Wie sich beide Wege sonst noch unterscheiden, haben wir gegenübergestellt.

Bei einer Praxis, die eine Bäderabteilung, einen Trainingsbereich für gerätegestützte Krankengymnastik und Einzelbehandlungsräume hat, reden wir nicht über Kleinigkeiten. Ein KGG-Bereich allein hat eigene Anforderungen an Fläche und Geräteausstattung, die du beim Neuaufbau erst einmal herstellen musst.

Die Reihenfolge, die deinen Zeitplan rettet

Die häufigste Fehlplanung sieht so aus: Vertrag unterschreiben, Übergabetermin festlegen, danach die Zulassung beantragen. Wer so vorgeht, sitzt im schlimmsten Fall in einer Praxis, für die er zahlt, in der er aber noch nicht zu Kassenlasten arbeiten darf.

Die tragfähige Reihenfolge ist diese:

  1. Anforderungen abfragen. Bei der zuständigen ARGE deines Bundeslands den Anforderungskatalog und die benötigten Unterlagen anfordern. Kostenlos, verbindlich, oft am Telefon in zehn Minuten erledigt.
  2. Räume gegen die Anforderungen prüfen. Am besten gemeinsam mit dem Übergeber – er hat die Prüfung schon einmal durchlaufen und weiß, worauf geachtet wurde.
  3. Vertrag mit Zulassungsvorbehalt. Der Übernahmevertrag sollte eine Klausel enthalten, die den Vollzug an die erteilte Zulassung knüpft. Ohne diese Klausel trägst du ein Risiko, das nicht deines ist.
  4. Antrag stellen. Vollständig, mit allen Nachweisen. Unvollständige Anträge sind der häufigste Grund für Verzögerungen – nicht Ablehnungen.
  5. Erst danach den Übergabetermin final setzen. Und den Patientinnen und Patienten kommunizieren.

Was das für die Praxis in Wetter bedeutet

Wir schreiben das hier nicht aus theoretischem Interesse. Physio Havacker sucht eine Nachfolge, und der Weg, den wir dafür bevorzugen, führt über eine Anstellung: erst mitarbeiten, die Patientinnen und Patienten und die Abläufe kennenlernen, dann in die Verantwortung wachsen.

Dieser Weg hat für die Zulassung einen konkreten Nebeneffekt. Du lernst die Räume, die Ausstattung und die Dokumentation kennen, während du hier arbeitest - und stehst am Tag der Antragstellung nicht vor Unterlagen, die du zum ersten Mal siehst. Die Räume sind seit Jahrzehnten zugelassen, barrierefrei über Fahrstuhl und Rampe erreichbar und auf 260 Quadratmetern so geschnitten, dass Einzelbehandlung, Trainingsbereich und Bäderabteilung nebeneinander funktionieren.

Wenn du darüber nachdenkst, ob eine eigene Praxis für dich infrage kommt: Hier steht, wie die Übergabe konkret ablaufen würde. Und wenn du erst einmal wissen willst, was so eine Praxis überhaupt wert ist, haben wir das getrennt aufgeschrieben.

Häufige Fragen

Geht die Kassen­zulassung bei einer Praxis­übernahme automatisch auf mich über?

Nein. Die Zulassung nach § 124 SGB V wird der Person erteilt, die die Leistungen erbringt – nicht der Praxis als Objekt. Du beantragst sie für dich selbst bei der zuständigen Arbeitsgemeinschaft der Landesverbände der Krankenkassen und Ersatzkassen. Was du von der übernommenen Praxis mitnimmst, sind die Räume und die Ausstattung, und die sind bereits geprüft - das verkürzt das Verfahren erheblich.

Brauche ich zwei Jahre Berufs­erfahrung für die Zulassung?

Der Gesetzestext des § 124 Absatz 1 SGB V nennt drei Voraussetzungen: die erforderliche Ausbildung mit Erlaubnis zur Führung der Berufsbezeichnung oder einen vergleichbaren akademischen Abschluss, eine Praxisausstattung, die eine zweckmäßige und wirtschaftliche Leistungserbringung gewährleistet, und die Anerkennung der Versorgungsverträge. Eine Berufserfahrung in Jahren steht dort nicht. Maßgeblich für die Details sind die Zulassungsempfehlungen des GKV-Spitzenverbands - frag den Anforderungskatalog vor der Antragstellung bei deiner ARGE ab, statt dich auf Foreneinträge zu verlassen.

Wer entscheidet über meine Zulassung?

Seit dem 1. September 2019 entscheiden die Arbeitsgemeinschaften, die die Landesverbände der Krankenkassen und die Ersatzkassen gemeinsam gebildet haben. Die Entscheidung gilt mit Wirkung für alle Krankenkassen - du stellst also einen Antrag, nicht mehrere. Zuvor musste jede Kasse einzeln zulassen.

Kann die Arbeits­gemeinschaft meine Praxisräume prüfen?

Ja. § 124 Absatz 3 SGB V berechtigt die Arbeitsgemeinschaft ausdrücklich, die räumlichen, sachlichen und personellen Voraussetzungen zu überprüfen. Mehrfachprüfungen derselben Praxis sollen dabei vermieden werden. Bei einer Übernahme bereits zugelassener Räume ist das der entscheidende Vorteil gegenüber einer Neugründung.

In welcher Reihenfolge muss ich vorgehen?

Erst die Anforderungen bei der zuständigen ARGE abfragen, dann den Übernahmevertrag mit einem Zulassungsvorbehalt versehen, dann den Antrag stellen – und erst nach erteilter Zulassung den Übergabetermin final setzen. Wer die Reihenfolge umdreht, hat im schlimmsten Fall eine Praxis, in der er zwar arbeiten darf, aber nicht mit den gesetzlichen Krankenkassen abrechnen kann.

Quellen

  1. [1] § 124 SGB V – Zulassung — Bundesministerium der Justiz, gesetze-im-internet.de (abgerufen 27.07.2026)
  2. [2] Zulassung als Heilmittelanbieter — Verband der Ersatzkassen (vdek) (abgerufen 27.07.2026)
  3. [3] Zulassungsempfehlungen des GKV-Spitzenverbands — GKV-Spitzenverband, Lesefassung der AOK-Gemeinschaft (abgerufen 27.07.2026)

Diese Praxis sucht eine Nachfolge

Physio Havacker in Wetter (Hessen): über 40 Jahre am Ort, 260 m² neue barrierefreie Räume, sieben Behandlungsbereiche. Der Weg führt über die Anstellung — erst mitarbeiten, dann übernehmen.

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